„Die beste Zeit unseres Lebens!“

Die Zwillingsschwestern Monique und Melanie Diedrich (Abi 2010) verbrachten zwölf aufregend schöne Monate in Australien

Giftspinnen krabbeln in der Dusche, im verdreckten Zimmer quetschen sich drei Personen in ein Bett, eiskalte Heizungsrippen ersticken jede Behaglichkeit. Es sollte der Traum ihres Lebens werden, der die Zwillingsschwestern Melanie und Monique Diedrich im Sommer 2010 auf eine einjährige Reise durch Australien führte; er mündete schon nach wenigen Tagen in bitterer Ernüchterung. Doch statt zu resignieren, bewiesen sie Durchhaltevermögen, hielten eisern zusammen – und erlebten „Down Under“ die beste Zeit ihres Lebens!

Sydney Opera House.

Über Leerlauf und Langeweile konnten sich Monique und Melanie, die im Frühjahr 2010 am Gymnasium Brede ihr Abitur ablegten, während der zwölf Monate auf dem fünften Kontinent keineswegs beklagen – im Gegenteil: In vielen mehr oder weniger ernsten Lebenssituation mussten sich die Schwestern unter Einsatz eines hohen Maßes an Eigeninitiative beweisen: „Sightseeing“ in Sydney, „Fruit-Picking“ in Mildura, „Bar- Keeping“ in Quambone, „Stick-Picking“ und „House-Keeping“ in Cairns, „Diving“ im Great Barrier Reef. Die Liste ihrer Abenteuer ist lang, englisch und aufregend.

Doch eines haben die Erlebnisse in der Rückschau gemeinsam: Sie prägten die beiden Schwestern enorm. „Selbstständiger, selbstbewusster und weltoffener: Nach einem Jahr Australien sind wir völlig anders geworden“, beschreiben beide wie aus einem Mund, was das Auslandsjahr mit ihnen angestellt und welche großen Auswirkungen es auf die Entwicklung ihrer Persönlichkeiten gehabt hat. Der Blick zurück fällt in der Summe überaus positiv aus, wenngleich Monique ergänzt: „Wir sind froh darüber, dass unsere Tour zwar schlecht begann, aber letztlich gut endete.“ Über einzelne Schwierigkeiten ihrer Reise berichten die beiden Lüchtringerinnen zwar immer noch mit ernster Stimme, aber beide sind felsenfest davon überzeugt, wie sehr ein Auslandsjahr insgesamt prägen und die eigene Entwicklung fördern kann.

Monique beim "Fruit Picking" in Mildura.

Gute Tipps für Nachahmer können beide auf alle Fälle geben: „Erstflieger sollten sich auf alle Fälle einer Organisation anvertrauen, sonst fühlt man sich in der neuen Umgebung sehr schnell verloren“, rät Monique allen Schülerinnen und Schülern, die ebenfalls den Gedanken in sich tragen, nach dem Abitur ins Ausland reisen. „Ebenso wichtig“, ergänzt Melanie, „ist aber auch die rechtzeitige Vorbereitung: Dabei sollte man bei Versicherungen grundsätzlich nicht sparen, hier aber auf alle Fälle auch das Kleingedruckte genau lesen. Außerdem sollte man rechtzeitig mit dem Sparen beginnen.“ Und: Obwohl sie den ersten Teil der Reise gemeinsam verbrachten, gingen Monique und Melanie während mehrerer Monate ihres Aufenthalts völlig auf sich allein gestellt eigene Wege. „Wenn man in einer Gruppe reist, muss man sich früher oder später trennen, sonst lernt man das Land und die Kultur nicht kennen“, empfiehlt Melanie.

Und so sehr Melanie und Monique anderen Schülerinnen und Schülern Mut zusprechen wollen, das Abenteuer eines Auslandsaufenthaltes zu wagen, so genau können sie mittlerweile die Gefahren einschätzen, auf die man sich nur teilweise vorbereiten kann. Denn wie erwähnt, begann der große Traum enttäuschend: In Mildura (Victoria) ergatterten Monique und Melanie nach wenigen Tagen in Australien ihren ersten Job. „Fruit-Picking“, das Pflücken von Orangen, sollte ihren Lebensunterhalt vorerst finanzieren. Alles sah nach einem Traumstart aus.

Australische Impressionen.

Aber der Wind drehte sich rasch: „Das war ein echter Reinfall! Verdreckte Zimmer, drei Personen in einem Bett, keine Heizung und giftige Spinnen in der Dusche: Man hat reingelegt!“ Nach zehn Tagen besiegte die Resignation jede Euphorie: Monique und Melanie brachen ihre Zelte entnervt ab, buchten Hals über Kopf den Rückflug und wollten ihren australischen Traum am liebsten per Reset-Taste aus ihren Köpfen löschen. Doch es kam anders – und diese Wendung sollte das Leben der Zwillingsschwestern grundlegend verändern.

Denn schon wenige Stunden später hatten beide das Ziel vor Augen, von dem beide heute einfach nur schwärmen: das „Sundowner Hotel“, eine Gaststätte in Quambone (New South Wales), dem Oberzentrum des örtlichen Nirgendwo. Fast fünf Monate lang führten die beiden 21-Jährigen den Pub fast im Alleingang, erwehrten sich der rustikalen Sitten der Landbevölkerung vor Ort und gewannen trotz der anfänglichen Vorbehalte gegenüber ihrer Nationalität schnell das Vertrauen der Einheimischen.

Monique auf der Farm nahe Quambone.

In dem Lokal entstand auch zufällig der Kontakt zu einem örtlichen Farmer, der Monique für drei Monate in seinem Betrieb aufnahm. Rodeo-Reiten, Arbeit mit den Tieren, Traktorfahren, Familienleben im australischen Hinterland: Die Liste der Erfahrungen ist auch hier lang und aufregend. Wer den beiden Schwestern bei ihren Schilderungen zuhört, bekommt umgehend Fernweh, denn der australische Traum scheint in diesen zwölf Monaten für beide Schwestern Wirklichkeit geworden zu sein.

Anfang September 2011 am Küchentisch der Familie Diedrich in Lüchtringen, wenige Wochen nach der Rückkehr der Schwestern aus Australien: Melanie schreibt mit großer Sorgfalt Koch- und Backrezepte in ein eigens dafür angelegtes Heft. Ihre Schwester Monique schaut dabei mit einem lachenden, aber auch mit einem weinenden Auge zu. „Als ich vor einigen Wochen wieder in Deutschland gelandet bin, wollte ich eigentlich sofort wieder weg“, unterbricht Melanie kurz ihre Aufzeichnungen und erinnert sich an ihre ersten Eindrücke nach der Rückkehr der beiden Schwestern. Die Tatsache, dass beide fast zwölf Monate lang kein Wort Deutsch gesprochen haben, trug zu einer gewissen Distanz zum eigenen Land bei. Aber da ist ja noch ein weiterer Grund…

Melanie und Monique (r.) im September 2011 in Lüchtringen.

Mitte September 2011: Die abgeschriebenen Rezepte liegen längst nicht mehr in Lüchtringen. Sie haben in der Zwischenzeit eine sehr lange Strecke zurückgelegt. Mit drei Reisetaschen ist Melanie vor einigen Tagen ausgewandert. Sie hat in ihrem Auslandsjahr nämlich ihr Glück gefunden: Im kommenden Jahr wird Melanie ihren australischen Verlobten heiraten!

Eine Reportage von Kai Hasenbein

Fotos: Monique Diedrich, Melanie Diedrich, Kai Hasenbein