Erfahrungen aus einer anderen Welt!

Daniel Schlickwei (Q1) berichtet von seinem Auslandsaufenthalt in Vietnam

Daniel Schlickwei, der seit Anfang diesen Jahres in Vietnam lebt, erzählt uns in einem Erlebnisbericht von seinen Erfahrungen und Eindrücken, die er bisher sammeln konnte. Wir bedanken uns an dieser Stelle ganz herzlich dafür!

Daniels Erlebnisbericht:
Meine Idee war es, ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen, um meine Englischkenntnisse zu verbessern.
Nach mehreren Überlegungen kam von meinem Vater der Gedanke, seine beruflichen Kontakte in Asien zu nutzen und eine gute Schule und Unterkunft in Vietnam zu suchen.
Durch eine vietnamesische Dolmetscherin haben wir den Kontakt zu einer internationalen Schule, die auf dem amerikanischen Schulsystem basiert, schnell herstellen können.

Anfangs war alles eine sehr spontane Aktion, die sich jedoch immer schneller zur Realität entwickelte. Nachdem ich meine Bewerbung abgeschickt habe, wurde mir ein Telefonat mit der Schulleiterin der internationalen Schule ermöglicht. Da die vietnamesische Zeit um 6 Stunden voraus war, musste ich nachts aufstehen, um mit der Schulleiterin sprechen zu können. Bald darauf habe ich von ihr die Zusage erhalten, für ein halbes Jahr die Schule in Vietnam besuchen zu dürfen.

Schnell wurde der Flug gebucht und ich hatte zwei Wochen Zeit, mich mental darauf vorzubereiten und eine Gastfamilie in Vietnam zu finden, was ohne Lien, der Dolmetscherin, niemals möglich gewesen wäre.

Am 29. Januar 2012 war es dann soweit und mein Flug nach Ho Chi Minh City, der bevölkerungsreichsten Stadt in Vietnam, startete. Mein Onkel, der regelmäßig mit Vietnam und China Holzgeschäfte abwickelt, war maßgeblich an der Organisation beteiligt. Er ermöglichte auch, dass Lien mit mir flog, um mich in den ersten vier Tagen einzuweisen.

Am 30. Januar erreichte unser Flugzeug den Flughafen in HCM. Die ersten zwei Nächte war ich in einem Hotel untergebracht. Es gab für mich die Möglichkeit, zwischen zwei Gastfamilien, die bereit waren mich aufzunehmen, zu wählen. Nachdem Lien mir geholfen hat, mich in einem kulturell und klimatisch grundverschiedenen Land zurechtzufinden, ging mein Leben in Vietnam erst richtig los.

Meine Gastfamilie besteht aus sieben Personen, die alle in einem Haus wohnen und mich zusätzlich aufgenommen haben. In Vietnam ist es üblich, dass der Großteil der Familie zusammen wohnt, somit leben bei uns im Haus, neben meinen beiden Gasteltern und deren sechs Jahre alten Zwillingen, die Schwester der Gastmutter, deren Cousin und der Großvater. Meine Gasteltern sprechen beide Englisch, sind jedoch nicht so häufig zu Hause, da sie morgens früh zur Arbeit müssen und abends spät nach Hause kommen. Ihr Ziel ist es, ihren Kindern in einigen Jahren eine gute Schulausbildung in Singapur an einer Internationalen Schule zu ermöglichen. An dieser Stelle ist hinzuzufügen, dass asiatische Eltern sehr streng in Sachen Schule sind. Sie wollen, dass Ihre Kinder die möglichst beste Ausbildung bekommen und nehmen alles Erdenkliche auf sich, um dieses bieten zu können.

Der Großvater ist jeden Tag zu Hause, mit ihm verbringe ich die meiste Zeit. Er selbst kann nur vereinzelte Worte Englisch, versucht aber weitere Worte zu lernen, um mit mir sprechen zu können, was ich sehr schätze. Zusätzlich kommt jeden Tag eine Haushaltshilfe, die die Wäsche macht und kocht und sich allgemein um den ganzen Haushalt kümmert. Das Haus ist sehr schön. Wie alle vietnamesischen Häuser ist es sehr schmal und hoch gebaut. Es hat ein Eingangstor, das einen Vorbereich abgrenzt, wo die Roller geparkt sind. Dann kommt die eigentliche Haustür und man betritt das Wohnzimmer. Auf der Etage ist noch die Küche, ein Schlafzimmer und ein Badezimmer. Die zweite Etage besteht aus dem Zimmer vom Großvater und einem Badezimmer und zwei weiteren Zimmern, wo die Kinder und meine Gasteltern wohnen. Die dritte Etage ist meine Etage, sie besteht aus einem Büro, das nun mein Schlafzimmer ist, und zwei Balkone.

Meine Schule ist eine internationale Schule, die im Süden von Ho Chi Minh City liegt. Sie liegt dreizehn Kilometer entfernt von meinem Haus. Um zur Schule zu kommen, fahre ich einen Roller, den ich für ein halbes Jahr gemietet habe. Ich brauche 45 Minuten, da ich die komplette Innenstadt durchqueren muss. Außerdem fahren 5 Millionen von den 8 Millionen Einwohnern Roller, woraus sich ablesen lässt, dass der Verkehr unglaublich ist. Jeden Tag sehe ich Unfälle, bei denen Leute schwer verletzt werden, was mich dazu antreibt, besonders vorsichtig zu fahren.

Saigon South International School ist eine amerikanische Schule, die hauptsächlich Lehrer mit Englisch als Muttersprache einstellt. Es ist eine Privatschule und dadurch sehr anspruchsvoll und teuer. Die Schüler an solchen Schulen gelten als die Elite für die Zukunft. Im aktuellen Senior Jahrgang gibt es sehr begabte Schüler, einer von ihnen wird nach diesem Jahr in Harvard studieren. Kommuniziert wird auf Englisch, der Unterricht ist auf Englisch und auch unter den Schülern wird hauptsächlich Englisch gesprochen, da die Schüler aus 35 unterschiedlichen Nationen stammen.
Für mich gab es keinen Grund Heimweh zu haben, da die Schule und meine Gastfamilie mich sehr lieb aufgenommen haben. An der Schule konnte ich schnell Freunde finden, die mir sehr ans Herz gewachsen sind.
An unserer Schule gibt es Schulmannschaften für jede Sportart und man plant jeweils eine Saison für jede Sportart, die ungefähr 2 Monate dauert. Ich bin der Fußball-Mannschaft beigetreten und wir konnten das erste Mal in der Geschichte der Schule ein internationales Turnier, in dem Schulen aus Vietnam, Kambodscha, Thailand und Laos teilnahmen, gewinnen. Mein Freundeskreis setzt sich hauptsächlich aus Mitgliedern der Fußballmannschaft zusammen. Es ist ein schönes Gefühl, schnell in eine lange bestehende Gruppe integriert zu werden. Meine Freunde treffe ich außerhalb der Schulzeit sehr oft. Bei diesen Treffen erfahre ich sehr viel über die vietnamesische Kultur und lerne interessante Orte in HCM kennen, die ein normaler Tourist nie sehen würde.

Meine Gastfamilie unternahm mit mir am Anfang meines Aufenthaltes einen Ausflug nach Vun Tau, eine Stadt am Meer. Es war ein schönes Wochenende und wir lernten uns gegenseitig besser kennen.
Durch die Kontakte meines Vaters und meines Onkels hatte ich die Möglichkeit, einen kleinen Einblick in den Holzhandel mit den vietnamesischen Geschäftspartnern zu bekommen. Ein Geschäftspartner lud mich zu einem Aufenthalt nach Hai Phong ein, eine Stadt im Norden in der Nähe von Hanoi, der vietnamesischen Hauptstadt. Ich verbrachte dort ein Wochenende und wir fuhren zu dem Weltnaturerbe Ha long Bay. Ha Long Bay sind Berge aus Stein, die aus dem Meer ragen. Zu diesen Bergen gibt es eine Sage, dass die Berge von einem Drachen stammen, der Vietnam vor tausenden vor Jahren im Krieg beschützt hat. In einem dieser Berge ist eine Höhle, die das Haus des Drachens darstellt. Diese Höhle habe ich besucht, und mit ein wenig Fantasie kann man in den Gesteinen tatsächlich einen Drachen erkennen, was mich sehr beeindruckte.

Ein weiterer schöner Ausflug von mir war der Mekong River. Der Mekong River ist ein großer Fluss, der in der Mitte Inseln hat. Auf diesen Inseln leben seit etlichen Generationen dieselben Familien und stellen Honig, Wein, Gewürze her und bauen Früchte an. Es war sehr interessant zu sehen, wie die Menschen dort leben. Ein Highlight an diesem Tag war, dass ich eine Schlange auf meinen Schultern tragen durfte.
Da dieser Aufenthalt privat organisiert wurde, muss ich eigenständig vor Ort Ausflüge organisieren. Das ist nicht so leicht, da ich sehr viel für die Schule arbeiten muss. So kann ich nicht so viel von Vietnam sehen, wie ich gern möchte.
Als ich diese Reise antrat, war es mir besonders wichtig mein Englisch zu verbessern, was mir sicherlich gelungen ist. Zusätzlich konnte ich allerdings die Erfahrung machen, dass so ein Auslandsaufenthalt einen menschlich unglaublich weiter bringt. Da Vietnam ein sehr armes Land ist, habe ich hier Dinge gesehen, die ich mir in Deutschland nie so vorstellen konnte. Doch grade diese Erfahrungen haben mir geholfen zu verstehen, wie gut es mir in Deutschland geht und dass es sich lohnt, sich weiterzuentwickeln und für die Schule zu arbeiten. Es ist schön offen zu sein und neue Länder und Menschen kennenzulernen. Ich bin durch meinen Aufenthalt in Vietnam deutlich verantwortungsbewusster geworden und habe gelernt mein Leben allein in den Griff zu bekommen.

An dieser Stelle will ich den Menschen danken, die mir diese Reise ermöglicht haben. Und besonders meinen Eltern, die mich in jeder Situation unterstützen. Ich werde Ihnen die Kosten, die sie für mich auf sich genommen haben, nie ersetzen können, aber wenn sie erkennen, dass diese Reise nicht umsonst war und dass es mich in meiner persönlichen Entwicklung weiter gebracht hat, bin ich mir sicher, dass sie keinen einzelnen Euro bereuen werden.

An alle anderen Schüler, die in Erwägung ziehen für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen, kann ich nur appellieren, nutzt die Chance und seit offen für alle neuen Eindrücke. Es wird euch ein ganzes Stück nach vorne bringen!

Daniel Schlickwei