„Vergesst nie, wie leicht sich Menschen überzeugen lassen etwas zu tun, was nicht richtig ist. Lasst euch nicht verführen!“: Diese eindringliche Botschaft gab Claudia Wittmann (80) aus Lüchtringen, Tochter des Brakeler Holocaust-Überlebenden Hartwig Stein, bei ihrem Vortrag in unserer Aula den Schülerinnen und Schülern unserer EF mit auf ihren Lebensweg. Die Veranstaltung machte deutlich, welch hohen Stellenwert das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit als ein wesentlicher Bestandteil der Erinnerungskultur an der Brede genießt.
„Frau Wittmann hat uns in einer berührenden Weise gezeigt, wie wichtig es ist, Vergangenheit bewusst zu halten und an Opfer zu erinnern. Gleichzeitig hat sie die Schülerinnen und Schüler sehr eindrucksvoll dafür sensibilisiert, Verantwortung für die Einhaltung demokratischer Werte in der Gegenwart zu übernehmen“, resümierte Geschichtslehrer Florian Günther, der die Veranstaltung gemeinsam mit dem Schulleiter Dr. Matthias Koch geplant und durchgeführt hat.
Einen ganz erheblichen Anteil am Gelingen der würdevollen Veranstaltung hatten die Schülerinnen und Schüler der Erweiterungsstunde „Gedenkprojekt für die NS-Opfer“, in dem auch das Moderatorenteam Lisa Grommes und Cornelius Ruske mitarbeitet. So hatte der Kurs im Vorfeld eine Umfrage im Jahrgang EF initiiert, um Fragen für eine Diskussionsrunde zu sammeln. Ebenso führte der Kurs den Mitschülerinnen und Mitschülern die Verbrechen der Nationalsozialisten in einem Impuls vor Augen.
Ganz deutlich wurde: Die Verbrechen der Nationalsozialisten geschahen nicht nur in den großen Konzentrations- und Vernichtungslagern, sondern vor allem auch mitten in den Städten und Dörfern. Am Beispiel der Lebensgeschichte ihres Vaters Hartwig Stein zeichnete Claudia Wittmann nach, wie erste Benachteiligungen und Ausgrenzungen Schritt für Schritt in entfesselter Gewalt und millionenfachem Massenmord eskalierten. Bis heute wirken die traumatischen Erfahrungen, die ihr Vater und ihre Halbbrüder durchmachen mussten, schmerzhaft nach. So berichtete sie beispielsweise davon, dass sie den Kinofilm „Schindlers Liste“ nicht zu Ende schauen konnte: „Das auszuhalten, wenn man weiß, dass es die eigene Familie betroffen hat, fällt sehr, sehr schwer.“
Besonders beklemmend waren die Parallelen, die Claudia Wittmann zu den heutigen politischen Entwicklungen gezogen hat: „Am Anfang geben sich Extremisten immer freundlich, erst später werden ihre wahren Ziele und Absichten deutlich.“ Der wachsende Antisemitismus bereite ihr Angst, ebenso die Anzeichen, dass die Schrecken des NS-Regimes in Vergessenheit gerieten oder gar geleugnet würden. Eindringlich warb sie deshalb: „Auf dem Boden der Demokratie zu bleiben ist unsere Garantie, in Frieden zu leben.“
Nach dem Vortrag und der Diskussionsrunde in der Aula begaben sich alle Beteiligten zum ehemaligen Wohnhaus Hartwig Steins in der Königstraße. Maja Potthast und Zoe Sophie Remmert trugen dort einen bewegenden Dialog vor, den unsere Q1-Schüler Henri Schauf und Ben Sudermann anlässlich einer Stolpersteinverlegung im vergangenen Mai verfasst hatten. Das Verlesen der Namen und das Niederlegen weißer Rosen, ein Text von Lara Pieper zum Innehalten sowie eine Schweigeminute beschlossen die Gedenkveranstaltung, die allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Text und Fotos: Kai Hasenbein





