Eine Woche lang gab es auf der Wiese neben der Turnhalle ungewöhnliche Gäste zu entdecken: Hahn Holger und die drei Hennen Hedwig, Hilde und Helga waren vom Hof Hartmann aus Hampenhausen angereist und bezogen dort für einige Tage ihr Quartier. Die vier gefiederten Besucher fühlten sich auf dem Schulgelände sichtlich wohl und wurden von den Schüler*innen mit großer Begeisterung begrüßt. Für die Klassen 5 und 6 sowie den MINT-Kurs der Jahrgangsstufe 7 der Realschule bot der Besuch eine besondere Gelegenheit, das Huhn als Nutztier unmittelbar kennenzulernen. Im Unterricht beschäftigten sich die Kinder mit dem Körperbau der Tiere und seinen besonderen Anpassungen an ihre Lebensweise. So konnten sie beobachten, wie die Hühner mit ihren kräftigen Schnäbeln nach Nahrung suchten und mit ihren großen Füßen im Boden scharrten, um Würmer und andere Leckerbissen aufzuspüren.
Doch nicht nur das Beobachten, auch die Versorgung der Tiere gehörte zum Programm. Bereits vor Unterrichtsbeginn mussten die Hühner morgens aus ihrem sicheren Stall in den Freilauf gelassen werden. Täglich wurde das Trinkwasser gewechselt und die frisch gelegten Eier wurden aus den Nestern genommen. Neben dem mitgelieferten Hühnerfutter sammelten die Kinder Löwenzahn und brachten gelegentlich auch den einen oder anderen Regenwurm zum Gehege. Wie wählerisch sind Hühner eigentlich beim Fressen? Dieser Frage gingen die Schüler*innen in einem kleinen Fütterungsexperiment nach. Sie boten den Tieren verschiedene Obst- und Gemüsesorten in schnabelgerechten Stückchen an und beobachteten, was besonders gut ankam. Dabei zeigte sich eine deutliche Vorliebe für süße Apfelstücke. Auch Möhren und Kohl fanden durchaus Anklang, während die angebotenen Spinatblätter auf deutlich weniger Begeisterung stießen. Unangefochtene Favoriten blieben allerdings die Getreidekörner, auf die sich die Hühner mit besonderem Eifer stürzten.
Ebenso spannend war es, die typischen Verhaltensweisen der Hühner aus nächster Nähe zu erleben. Die Schüler*innen beobachteten, wie die Tiere ihre Hackordnung regelten, ihre Eier im geschützten Nestbereich des Stalls ablegten und sich ausgiebig der Gefiederpflege widmeten. Dabei wurde schnell deutlich, dass jedes der vier Hühner seinen ganz eigenen Charakter hatte. Hahn Holger präsentierte sich gerne von seiner besten Seite: Aufgeplustert und mit ausgebreiteten Flügeln machte er ordentlich Eindruck. Hilde hingegen zeigte sich besonders zutraulich und war die Erste, die den Kindern aus der Hand fraß. Helga hatte dagegen vor allem eines im Sinn: das Eierlegen. Nur selten verließ sie den Stall. Wenn sie sich doch einmal unter die anderen Hühner mischte, machte sie ihren Rang in der Hühnerschar durch gezielte Schnabelhiebe unmissverständlich deutlich. Viele dieser Verhaltensweisen lassen sich bereits bei den Bankivahühnern beobachten, den wild lebenden Vorfahren unserer heutigen Haushühner. Die Kinder konnten somit unmittelbar erleben, wie viel vom ursprünglichen Verhalten dieser Tiere auch nach Jahrtausenden der Domestikation erhalten geblieben ist. Besonders eindrucksvoll war außerdem zu beobachten, wie die Hühner an einem sonnigen Nachmittag kleine, über der Wiese schwirrende Insekten mit erstaunlicher Geschicklichkeit im Flug fingen.
Während der gesamten Woche begleiteten die Schüler*innen ihre gefiederten Gäste mit großer Neugier und Aufmerksamkeit. Immer wieder ergaben sich neue Fragen und zahlreiche Anknüpfungspunkte an den Unterricht. Kinder, die bereits viel über Hühner wussten, konnten ihr Wissen als kleine Experten weitergeben, während andere ganz neue Entdeckungen machten. Durch die tägliche Versorgung der Tiere übernahmen die Kinder zudem Verantwortung und erfuhren ganz praktisch, welche Bedürfnisse Nutztiere haben und wie wichtig ein sorgsamer Umgang mit ihnen ist.
Doch der Besuch der Hühner war weit mehr als eine Gelegenheit, biologisches Fachwissen auf besonders anschauliche Weise zu erwerben. Das fröhliche Herumlaufen der Tiere, ihr gelegentliches Gackern und ihre neugierige Annäherung an die Kinder zauberten immer wieder ein Strahlen auf die Gesichter. Die Freude am Umgang mit den Tieren war deutlich zu spüren, und im Laufe der Woche wuchsen den Schülerinnen und Schülern ihre gefiederten Gäste zunehmend ans Herz. So entstand eine emotionale Verbindung zu den Tieren, die auch das Lernen bereicherte: Wer mit Begeisterung beobachtet, eigene Fragen entwickelt und sich einem Thema persönlich verbunden fühlt, lernt besonders nachhaltig. Für eine Woche wurde die Schulwiese damit zu einem lebendigen Lernort, an dem sich fachliche Erkenntnisse, praktische Erfahrungen und die Freude am unmittelbaren Kontakt mit Tieren auf besondere Weise miteinander verbanden. Holger, Hedwig, Hilde und Helga haben nicht nur viel Wissen vermittelt, sondern vor allem auch für zahlreiche glückliche Momente im Schulalltag gesorgt.
Text und Bilder: Annette Karweg